Monat 2-5

Ich saß zu Hause am Esstisch und dachte, ich müsse sterben. Auf dem Heimweg begann es mit einem starken Stechen in der Brust, mein Puls war erhöht und mir war schwindelig. Da es mir seit ein paar Tagen besser ging (bezüglich der Ciprofloxacin Nebenwirkungen) war ich sicher, dass es sich um ein Problem am Herz handeln müsste.

Was sonst könnte meinen Blutruck und meinen Puls so in die Höhe treiben und gleichzeitig Schmerzen in der Brust verursachen?

Heute weiß ich, dass Ciprofloxacin starken Einfluss auf das GABA-System im Körper hat. GABA wird benötigt, um im parasympathischen Nervensystem den Körper „herunter zu fahren“. Dieses System ist der Gegenspieler des Stress- und Angstsystems. Ohne GABA läuft der Köper „heiß“, Blutdruck und Puls steigen, Ängste verstärken sich und der Herzschlag ist im ganzen Köper zu spüren. Die genauen Wirkmechanismen von Ciprofloxacin als GABA-Antagonist (es blockiert die Rezeptoren) sind sehr gut hier beschrieben:

http://en.wikipedia.org/wiki/Adverse_effects_of_fluoroquinolones#CNS_effects

Drei Monate Angstzustände: Die Zeit zwischen November und Januar war vor allem von den Auswirkungen von Ciprofloxacin auf meinen GABA-Haushalt geprägt – das ist jedenfalls meine Erklärung für die Zustände, unter denen ich in dieser Zeit litt. Meine Kehle war wie zugeschnürt, stellenweise bekam ich so ein starkes Kloßgefühl im Hals, dass ich würgen musste. Mir war zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass auch dies eine Wirkung von Ciprofloxacin war. Die grundsätzliche Ängstlichkeit und Reizbarkeit ließ in mir sofort Bilder von Kehlkopfkrebs  aufkommen. Ärztliche Untersuchungen zeigten auch noch eine unerklärbare Schwellung, die meine Ängste auch noch zusätzlich anfeuerte. Es dauerte insgesamt mehrere Wochen, bis ein Kontroll-MRT zeigen konnte, dass ich kein Kehlkopfkrebs habe sondern dass die dauerhaften Angstzustände tatsächlich meinen Kehlkopf muskulär derart eingequetscht hatten, dass er entzündet war.

In dieser Zeit half stets nur eine ärztliche Untersuchung, die beweisen konnte, dass ich nicht wirklich ernsthaft krank war. Mir kam es vor, als könnten die Ciprofloxacin-Nebenwirkungen meine tiefsten Ängste materialisieren. In Wirklichkeit führten die Ängste nur zu diversen körperlichen Symptomen, die mir dann wiederum Sorge bereiteten.

Insgesamt bin ich mir seitdem darüber bewusst, wie weitreichend der Haushalt von Neurtransmittern Einfluss auf die Befindlichkeit hat und wie stark das körperliche Wohlbefinden wiederum von der Psyche abhängt.

Alles hängt an einem Strang und das Zerstören der Kette – in diesem Fall durch den gestörten GABA-Stoffwechsel – führt zu Angst, Angst wiederum führt zu körperlichen Symptomen (wie eingangs geschildert z.B. zu einem Hyperkinetischen Herzsyndrom; http://de.wikipedia.org/wiki/Hyperkinetisches_Herzsyndrom) und diese Symptome befeuern wiederum die Angst. Das ganze verselbständigt sich ohne erkennbaren Zusammenhang mit den bereits bekannten Symptomen der Ciprofloxacin Nebenwirkungen.

In dieser Zeit war ich bei vielen Ärzten. Kardiologen sagten mir, dass mir meinem Herz alles in Ordnung war, HNO-Ärzte und Radiologen bestätigten mir, dass mit meinem Kehlkopf alles OK ist und Neurologen konnten mir bestätigen, dass ich keine schlimmen Nervenerkrankungen habe. Nur mit diesem Wissen konnte ich die jeweiligen Ängste besiegen.
Ich habe mich in dieser Zeit immer wieder gefragt, wie viele Menschen wohl an derartigen Ängsten leiden müssen, ohne zu wissen, dass die Ursache eventuell in einer Ciprofloxacin-Nebenwirkung liegt. Meist ist dies ja auch schon viele Monate her. In dieser Zeit kam in mir der Wunsch auf, meine Erfahrungen zu teilen um andere Menschen mit ähnlichen Leiden zu erreichen.

Mir wurde klar, wie sensibel die Mechanismen zwischen Körper und Geist sind und das nicht jede „generalisierte Angststörung“ aus heiterem Himmel kommt. Gefühlt haben mir rund die Hälfte der Menschen, mit denen ich über meine Nebenwirkungen gesprochen habe bestätigt, dass sie bereits Ciprofloxacin eingenommen haben. Die Anzahl der Menschen, denen einfach ein „Chronisches Erschöpfungssyndrom https://de.wikipedia.org/wiki/Chronisches_Ersch%C3%B6pfungssyndrom“ diagnostiziert wird (weil man keine Erkärung dafür hat) und die in Wirklichkeit unter den Nebenwirkungen irgend eines chinolon-haltigen Antibiotikums (wie Ciprofloxacin) litten, muss unbeschreiblich groß sein.

Weiter im Verlauf

Direkt zu meinen Therapie-Erfahrungen

2 Gedanken zu „Monat 2-5

  1. Ich habe das Gefühl, als wenn deine Erfahrungen, meine Befindlichkeiten erzählen. Was allerdings bei dir zur Beruhigung geführt hat, nämlich die Auskunft der Ärzte, es sei alles organisch ok, ist bei mir anders. Als die Neurologen sagten, es sei Wohl am wahrscheinlichsten eine ZNS- Entzündung, aber Blut und Liquor war sauber. Und ALS sind die Diagnosekriterien auch nicht erfüllt, glaube ich den Ärzten nicht- meine Angst ist, dass ich doch was schlimmes hat – es beruhigt mich halt nicht..weil die Symptome halt bei allen ZNS Erkrankungen auch vorkommen. Das ist mein größtes Problem, dass ich das Vertrauen in die Ärzte total verloren habe, denn wer ein Medikament verschreibt und nicht mal wirklich weiß, was es anstellt..naja!
    Liebe Grüße Marion

    • ich habe heute von meinem hausarzt, aufgrund entzündeter knie, schmerzen beim laufen und einem angeschwollenen bein cipro basics 250 mg verschrieben bekommen.ich soll eine morgens, eine abends nehmen. nun lese ich dies berichte hier. ich bin alleine, es ist wochenende und ich muss meinen behinderten sohn versorgen….ratlos..und fassungslos über die berichte hier..

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